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Mein Bruder Urs Kehl mahlt auch bei Minus - Temperaturen mit seiner speziellen Mahlkiste Bilder. Vor allem mahlt er in Quartieren wo die Ärmsten unserer Gesellschaft wohnen.

   

 

Interview: Der Franziskanerbruder Benno-Maria Kehl zum Umgang mit dem "Fremden"

"Ich durfte die goldene Seite des Islam erleben"

Von Veronika Kreyca / Kipa

Zürich, 9.12.09 (Kipa) Gott begegnet er nicht in frommen Vorstellungen, sondern in der konkreten Realität – sei sie nun schön oder schlimm, vertraut oder fremd. Für Bruder Benno, 42, der seit Jahren mit Fixern, Prostituierten und Randständigen arbeitet, ist das Fremde kein Grund zur Angst. Denn es hänge von der Einstellung ab, wie einem die Realität begegne: So werde auch, wer überzeugt sei, etwas "Goldenes" im Islam oder in der Kirche zu finden, derartige Erfahrungen machen. Im Interview mit der Presseagentur Kipa äussert sich der Schweizer Ordensmann über das Minarett-Verbot und darüber, wie der heilige Franziskus in einer weit angespannteren Situation reagiert hat.

Kipa: Bruder Benno, die Mehrheit der Schweizer will den Muslimen den Bau von Minaretten verbieten. Was halten Sie davon?

Benno-Maria Kehl: Es hat mich enttäuscht, es kann als ein Schlag gegen Religionsfreiheit verstanden werden. Oder noch schlimmer: als ein Schlag gegen unsere muslimischen Brüder und Schwestern. Die Mehrheit der Stimmbürger hat ein dunkles Unbehagen gegen den Islam. Vielleicht gerade deshalb, weil sie nie – wie ich – die goldene Seite des Islam erleben durften. Sicher, jede Religion hat auch ihre dunklen Schatten, aber das ist nicht ihr Wesen.

     Ich glaube fest, dass das Wesen gesunder Religionen immer "golden" ist. Dieses "Goldene", oder auch "Heilige", scheint ganz natürlich nach aussen: durch das Leben der Glaubenden und auch durch ihre Gebetshäuser. Sicher steht und fällt eine Religion nicht mit Kirchtürmen und Minaretten, aber sie gehören dazu und verschönern und segnen ein Ortsbild.

     Kipa: Was ist Ihrer Meinung nach in Zukunft wichtig, damit die Menschen die Angst vor "Fremden", voreinander verlieren?

Kehl: Der Dialog der Begegnung, das heisst, sich existentiell einlassen auf das Fremde und Andere. Das ist aber nur möglich, wenn man sich von einer vereinfachten Weltsicht von schwarz und weiss verabschiedet. Vielleicht lässt man sich erklären, wie ein Muslim betet oder wie ein Buddhist meditiert. Dabei wird man selber darüber klarer werden, wo steheman persönlich im Glauben steht, welche Werte für einen zählen, welche Traditionen man pflegt oder welche man neu hinzufügen möchte.

     Wer aber mit vorgefasster Meinung auf das Fremde zugeht, wird dann auch die entsprechenden Resultate bekommen: Wer zum Beispiel überzeugt ist, die katholische Kirche sei verlogen, wird viele solche Erfahrungen machen. Wer hingegen überzeugt ist, dass etwas "Goldenes" in der Kirche oder im Islam verborgen sein muss, wird auch eher diese Erfahrung machen.

     Kipa: Was müssen und können die Kirchen dazu beitragen?

Kehl: Ich denke, eine Religion, die sich zu fest vom "müssen" und "können" her versteht, ist zu sehr mit ihrer äusseren Form beschäftigt – hier sollten die eigenen verkrusteten Glaubenssätze einmal angeschaut werden, sonst kommt es kaum zu wirksamen Aktionen.

     Wenn ich eine Kirche zur Verfügung hätte, würde ich diese persönlich sofort allen Leuten zur Verfügung stellen, die sich ernsthaft zum Gebet treffen wollen. Mühsam ist nur, dass es da immer viele entrüstete Stimmen gibt – aus den eigenen Reihen, die entsetzt aufschreien und ihre religiösen Gefühle verletzt sehen. Solche Gefühle dürften sich wohl endlich einmal von Gott befreien lassen.

     Kipa: Gibt es etwas in der franziskanischen Spiritualität, das hier hilfreich sein könnte?

Kehl: Der heilige Franziskus schloss Freundschaft mit Sultan Camil, inmitten der Kreuzzüge. Es ist ihm wohl deshalb gelungen, weil er zuerst einmal tief berührt war davon, wie Muslime einen tiefen Glauben pflegen, ehrfürchtig beten und wie sie Gastfreundschaft leben.

     Franziskus, der sich als Bruder aller Geschöpfe versteht, da Gott der Vater und Schöpfer von allem ist, konnte von seinem Glauben an Jesus beim Sultan erzählen. Dabei konnte er zwar niemanden überzeugen, obwohl er für den Glauben gerne durchs Feuer gegangen wäre. Er wusste aber genau, der Glaube ist immer ein Geschenk Gottes. Wer sind wir, zu sagen, welches Geschenk Gott welcher Seele macht?

     Kipa: Sie arbeiten seit Jahren mit Fixern, Prostituierten und anderen Menschen am Rand der Gesellschaft. Wie haben Sie gelernt, Ihre Angst vor diesen "Fremden" abzubauen?

Kehl: Gott ist ein Gott der Freiheit und der Liebe. Und wer in der wirklichen Liebe ist, braucht keine Angst zu haben vor der Dunkelheit. Hier ist der christliche Ansatz: Jesus sagt: "Was du dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan oder nicht getan hast, hast du mir getan." Das ist der Schlüssel für mich.

     Gott umarmt uns in Jesus nicht in einer frommen Vorstellung, sondern in der konkreten Realität der Welt. Wir leben in einer Welt, die eben neben vielem Schönen auch von vielen Abgründen geprägt ist, Gier, Hass, Sucht, Armut, Gefangenschaft, Verzweiflung, Wahnsinn und vielem mehr.

     Das alles sind für mich Herausforderungen, um selber Mensch, Christ zu werden. Es gibt eine tiefe Wahrheit: Was ich "existentiell" annehmen lerne, lässt mich wachsen. Was ich bekämpfe und ablehne, zu dem werde ich selber.

     Kipa: Sie sagen, Ihre Aufgabe sei die aller Menschen: Abbild Gottes sein und werden. Was bedeutet das in einer multikulturellen, globalisierten Gesellschaft?

Kehl: "Abbild Gottes" ist vielleicht ein etwas überholter Begriff. Er hat für mich damit zu tun, dass jeder Mensch aus dem Zusammenspiel von vielen freischwingenden Lebensfaktoren zu dem geworden ist, was ihn so einmalig macht.

     Extrempunkte des Menschseins sind sicher Verzweiflung, Hass, Schmerz, Leid. Aus dem Glauben kann ich sagen, dass Jesus Christus selber zu all dem geworden ist: am Kreuz, eben bis in die blanke Verzweiflung hinein. Das sagt mir, dass jede menschliche Realität – so schön oder so schlimm sie ist – jene Realität ist, in der ich Gott begegnen kann. Dadurch, dass ich den Menschen in ihrer konkreten Realität als Abbild Gottes begegne, kann ich ihnen das Gefühl geben: Es ist gut, dass du da bist, du bist auch ein Abbild dieses Gottes.

     Kipa: Sie sind "Missionar ad Gentes", Gesandter zu den Völkern, und haben dieses Jahr viel im afrikanischen Burkina-Faso gearbeitet: um "die Solidarität zwischen den Völkern zu stärken", wie Sie sagen. Warum gehen Sie für diese Aufgabe nach Afrika, wenn es doch in der Schweiz anscheinend gerade in dem Bereich Bedarf gibt?

Kehl: Es ist eine lange Geschichte, weshalb ich in Afrika begonnen habe. Entscheidend ist, dass ich vieles dort lernen konnte, was ich hier nie gelernt hätte. Ich sage manchmal: Es darf nicht sein, dass wir auf die Gasse gehen, solange wir die Not in unserem nächsten Umkreis übersehen.

     Aber die Begegnung mit den Menschen der Savanne Afrikas hilft uns, von der eigenen verzweifelten Nabelschau wegzusehen. Unsere Not in der Schweiz ist auf sehr hohem Niveau.

     Es ist schön zu sehen, dass beispielsweise Randständige, die oft nur sich selber sehen, freiwillig begonnen haben, Dinge herzustellen. Diese verkaufen sie nun für Afrika weiter. Die "Armen" bekommen ihre Würde, wenn sie selber etwas verschenken können.

     Kipa: Welche Erfahrungen haben Sie in Burkina-Faso gesammelt, die Ihnen zu Hause als "Missionar ad Gentes" helfen werden?

Kehl: Die biblische Geschichte des armen Lazarus, der vor dem Haus des reichen Prassers liegt, ist vielleicht die Geschichte vom armen Afrika, das vor dem Haus des reichen Europäers liegt.

     Das Schlimme an dieser Geschichte ist für mich, dass sich der Reiche kein bisschen um Lazarus gekümmert hat. Hätte er es getan, wäre wohl das Urteil nach seinem Tod nicht so hart ausgefallen.

     Ich werde oft gefragt, was ich in Afrika mache und erzähle gerne davon. Dabei staune ich, wie viele Menschen wirklich sehr gerne helfen, aber oft nicht genau wissen, wie. Vielleicht ist es eine meiner Aufgaben, dem Reichen zu zeigen, wie er die Not des Lazarus etwas lindern kann.

     Kipa: Nach Burkina-Faso sind Sie nun für ein Jahr in Kanada, um Englisch zu lernen. Wozu?

Kehl: Englisch wollte ich schon lange lernen, da es neben Italienisch und Spanisch unsere Ordenssprache ist. Es ist für mich auch eine Chance, innezuhalten, viele Verantwortungsfelder loszulassen und mich aus der Öffentlichkeit etwas zurückzunehmen.

     Kipa: Gibt es eine wirkliche Herausforderung, die Sie in Zukunft annehmen möchten?

Kehl: Ich versuche vor allem im Jetzt zu leben, denn die Zukunft entsteht jetzt. Manchmal würde ich gerne in die Kristallkugel schauen und wissen, was noch kommt. Aber bis jetzt habe ich immer im rechten Moment erkannt, was wirklich dran ist.

     Die Frage nach meiner Berufung, die Frage nach meinem Platz im Orden oder die Frage nach Familie und Beziehung sind sicher Fragen, die ich mir nochmals stelle. Wenn ich nicht wieder ein grosses, neues, frisches Ja in mir finde zu dem, was ich bin und mache, würde ich langfristig wohl Elan und Dynamik verlieren.

     Was ich dann konkret tun werde, ist dabei zweitrangig, wenn auch wichtig. Aber es ist ein gutes Gefühl, die zweite Hälfte meines noch leeren Lebensbuches zu beschreiben. Es ist ein Privileg, Zeit zu haben und zu überlegen, was ich möchte und was Gott von und mit mir noch möchte.

     Hinweis: Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

Separat:

Bruder Benno-Maria Kehl OFM

Der gelernte Schreiner trat mit 23 Jahren in den Franziskanerorden ein. Er lebte einige Jahre als Einsiedler, ehe er mit dem Theologiestudium begann. Seit 2000 ist Bruder Benno Diakon. Im selben Jahr gründete er zusammen mit Mitbrüdern den Verein Franziskanische Gassenarbeit, der sich für Randgruppen und Menschen mit Suchtproblemen einsetzt. Neben seiner Arbeit mit Süchtigen und Prostituierten absolvierte der in Thal SG geborene Franziskaner ein berufsbegleitendes Studium zum Sozialtherapeuten mit Schwerpunkt Sucht.

     2003 wurde Bruder Benno-Maria Guardian (Klosteroberer) des Franziskanerklosters auf der Insel Werd. Im Jahr 2005 gründete er die Stiftung Zuflucht, die Wohnraum für Randständige anbietet. Seinem Auftrag "Missionar ad Gentes" entsprechend, arbeitet er immer wieder im afrikanischen Burkina Faso. Seit November ist er für ein Jahr zum Englischlernen in der franziskanischen Niederlassung Edmonton in Kanada.

     Hinweis: Weitere Informationen zur Person von Bruder Benno sowie zu seinen Projekten finden sich auf seiner Website http://www.benno.franziskaner-werd.ch/

     Hinweis: Kostenfreie Bilder können über die Website von Bruder Benno-Maria Kehl http://www.benno.franziskaner-werd.ch/ bezogen werden.

     (kipa/vek/job)

 


 
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Kaum in Kanada schon Fragen von der Kipa (mein Entwurf)

 

Schriftliches Kipa-Interview

mit Bruder Benno-Maria Kehl OFM

 

 

 

1) Bruder Benno, die Mehrheit der Schweizer will den Muslimen den Bau von Minaretten verbieten. Was halten Sie davon?

 

Es hat mich enttäuscht, es kann als ein Schlag gegen Religionsfreiheit verstanden werden. Oder noch schlimmer ein Schlag gegen unsere muslimischen Brüder und Schwestern. Die Mehrheit der Stimmbürger hat ein dunkles Unbehagen gegen den Islam. Vielleicht gerade weil sie nie wie ich, die goldene Seite des Islams erleben durften. (Sicher jede Religion hat auch ihre dunklen Schatten, aber das ist nicht ihr Wesen.)

Ich glaube fest das das Wesen gesunder Religionen immer “Golden“ ist.. Dieses „Goldene“ oder auch „Heilige“ scheint übrigens ganz natürlich nach aussen. Durch das Leben der Glaubenden und auch durch ihre Gebetshäuser. Sicher steht und fällt eine Religion nicht mit Kirchtürmen und Minaretten, aber es gehört eigentlich dazu und verschönert und segnet ein Ortsbild.

 

2) Was ist Ihrer Meinung nach in Zukunft wichtig, damit die Menschen die Angst vor "Fremden", voreinander verlieren?

 

Der Dialog der Begegnung, d.h. sich existentiell Einlassen auf das Fremde und Andre. Was aber nur möglich ist wenn man sich von einer vereinfachten Weltsicht von Schwarz und Weiss verabschiedet. Vielleicht lässt man sich erklären wie ein Muslim betet oder wie ein Buddist meditiert. Dabei wird man sich selber klarer werden, wo ich selber im Glauben stehe, welche Werte für mich zählen und welche Traditionen ich pflege oder neu dazu nehmen möchte. Wer aber mit vorgefasster Meinung auf das Fremde zu geht, wird dann auch die entsprechenden Resultate bekommen. Wer überzeugt ist, z.B. die katholische Kirche ist  verlogen, wird dann auch viele solche Erfahrungen machen. Wer überzeugt ist  es muss etwas „goldenes“ in der Kirche und beim Islam verborgen sein wird auch eher diese Erfahrungen machen.

 

3) Was müssen und können die Kirchen dazu beitragen?

 

Ich denke eine Religion die sich zufest vom müssen und können her versteht ist vielleicht zu sehr mit der seiner äusseren Form beschäftigt – hier sollten die eigenen verkrusteten Glaubenssätze mal angeschaut werden, sonst kommt es kaum zu wirksamen Aktionen. Höchstens das etwas auf dem Papier steht, wie jetzt bei meinem Schreiben. Ich jedenfalls würde sofort meine Kirche (wenn ich eine hätte.) allen Leuten zur Verfügung stellen, die sich ernsthaft zum Gebet treffen wollen. Mühsam ist nur, dass es da immer viele entrüstete Stimmen aus den eigenen Reihen gibt, die Entsetzt aufschreien da religiöse Gefühle verletzt werden…Solche Gefühle dürften sich wohl endlich mal von Gott befreien lassen. Also ob echtes Gebet einen Ort entweihen würde, oder hat der Papst nicht in Assisi mit allen Religionen zusammen gebetet? Ich hab dabei auch keine Mühe mich vor Gott dem Allmächtigen niederzuwerfen und da könnten wir sicher von den Muslimen lernen… Es gibt auch viele verschiedene Richtungen von Musik und es wäre schade wenn einige Sagen würden nur das ist die einzige Musik die zählt und richtig ist.

 

4) Gibt es etwas in der franziskanischen Spiritualität, das hier hilfreich sein könnte?

 

Der hl. Franziskus schloss Freundschaft mit dem Sultan Camil inmitten der Kreuzzüge. Es ist ihm wohl gelungen, weil er zuerst mal tief berührt war wie die Muslime einen tiefen Glauben pflegen, ehrfürchtig beten und  wie sie Gastfreundschaft leben. Franziskus, der sich als Bruder aller Geschöpfe versteht, da Gott der Vater und Schöpfer von allem ist, konnte von seinem Glauben an Jesus beim Sultan erzählen. Dabei konnte er zwar niemanden überzeugen, obwohl er für den glauben gerne durchs Feuer gegangen wäre. Er wusste aber genau, der Glaube ist immer ein Geschenk Gottes und wer sind wir um zu sagen welches Geschenk Gott welcher Seele macht.

 

5) Sie arbeiten seit Jahren mit Fixern, Prostituierten und anderen Menschen am Rand der Gesellschaft. Wie haben Sie gelernt, Ihre Angst vor diesen "Fremden" abzubauen?

 

Gott ist ein Gott der Freiheit und der Liebe. Und wer in der wirklichen Liebe ist braucht keine Angst zu haben vor der Dunkelheit. Hier ist der christliche Ansatz: Wo Jesus sagt: „Was du dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan oder nicht getan hast, hast du mir getan, das ist wohl der Schlüssel für mich. Gott umarmt uns in Jesus nicht in einer frommen Vorstellung sondern in der konkreten Realität der Welt. Wir leben in einer Welt die eben nebst vielem Schönen auch von vielen Abgründen geprägt, Gier, Hass, Sucht, Armut, Gefangenschaft, Verzweiflung, Wahnsinn usw… Das alles sind Herausforderungen um selber Mensch (Christ) zu werden. Es gibt eine tiefe Wahrheit die sagt: „Was ich „Existentiel“ anzunehmen lerne, lässt mich wachsen, was ich bekämpfe und ablehne zu dem werde ich selber.“

 

6) Sie sagen, Ihre Aufgabe sei die aller Menschen: Abbild Gottes sein und werden. Was bedeutet das in einer multikulturellen, globalisierten Gesellschaft?

 

Abbild Gottes Sein ist vielleicht ein etwas überholter Begriff, aber hat für mich damit zu tun, das jeder Mensch aus dem Zusammenspiel von vielen freischwingenden Lebensfaktoren zu dem geworden sind was sie so einmalig macht. Extrempunkte des Menschseins sind da sicher Verzweiflung, Hass, Schmerz, Leid. Aus dem Glauben kann ich sagen das Jesus der Christus selber zu all dem geworden ist am Kreuz, eben bis in die blanke Verzweiflung hinein. Das sagt mir das jede menschliche Realität so schön und so schlimm sie ist, die Realität ist in der ich Gott begegnen kann. (Gott begegnen heisst immer auch tief mit sich selbst eins zu werden und zu sein. Umgekehrt können Menschen die so kongruent Leben ohne Worte dem Mitmenschen zeigen, dass es gut ist dass er da ist, eben weil er auch Abbild ist.

7) Sie sind "Missionar ad Gentes", Gesandter zu den Völkern, und haben dieses Jahr viel im afrikanischen Burkina-Faso gearbeitet: um "die Solidarität zwischen den Völkern zu stärken". Warum gehen Sie für diese Aufgabe nach Afrika, wenn es doch in der Schweiz anscheinend gerade in dem Bereich Bedarf gebe?

 

Es ist eine lange Geschichte weshalb ich in Afrika begonnen hab. Aber entscheidend ist, ich konnte dort vieles lernen was ich hier nie gelernt hätte. Ich sage manchmal es darf nicht sein, dass wir auf die Gasse gehen, solange wir die Not in unserm nächsten Umkreis übersehen, aber wenn wir der Not begegnen werden wir oft einen Schritt weiter gehen. Die Begegnung mit den Menschen der Savanne Afrikas hilft uns auch von der eigenen verzweifelten Nabelschau wegzusehen. (Unsere Not ist auf sehr hohem Niveau.) So haben z.B. Randständige, die oft nur sich selber sehen, freiwillig begonnen Dinge herzustellen um sie für Afrika weiterzuverkaufen. Die „Armen“ bekommen ihre Würde, wenn sie selber etwas verschenken können.

 

 

 

8) Welche Erfahrungen haben Sie in Burkina-Faso gesammelt, die Ihnen zu Hause als "Missionar ad Gentes" helfen werden?

 

Die Geschichte vom armen Lazarus der vor dem Haus des reichen Prassers liegt, ist vielleicht die Geschichte vom armen Afrika das vor dem Haus des reichen Europäers liegt. Das schlimme an dieser biblischen Geschichte ist für mich, dass sich der Reiche  kein bisschen um den Lazarus gekümmert hat. Hätte er es getan wäre wohl das Urteil nicht so hart geworden. Ich werde oft gefragt was ich in Afrika mache und erzähle gerne davon, dabei staune ich wie viele Menschen wirklich sehr gerne Helfen, aber oft nicht genau wissen wie. Vielleicht ist es eine meiner Aufgaben, dem Reichen zu zeigen wie er die Not des Lazarus etwas lindern kann.

 

 

9) Nach Burkina-Faso sind Sie nun für ein Jahr in Kanada, um Englisch zu lernen. Wozu?

 

Englisch wollte ich schon lange mal lernen, da es nebst Italienisch und Spanisch unsere Ordenssprache ist. Es ist für mich eine Chance mal innezuhalten, viele Verantwortungsfelder loszulassen und mich aus der Öffentlichkeit etwas zurückzunehmen. Sicher stelle ich mir auch die Frage wie meine zweite Lebenshälfte wohl wird. Ich stelle mir auch nochmals kräftig die Frage wie und wo mein Platz in der Welt in der Kirche und im Orden ist. Wenn ich nicht wieder ein grosses neues frisches Ja in mir finde zu dem was ich bin und mache, würde ich langfristig wohl Elan und die Dynamik verlieren.

 

10) Gibt es eine wirkliche Herausforderung, die Sie in Zukunft annehmen möchten?

 

Ich versuche vor allem im Jetzt zu leben, denn die Zukunft entsteht JETZT. Manchmal würde ich gerne in die Kristallkugel schauen und wissen was da noch kommt. Aber bis jetzt habe ich immer im rechten Moment erkannt was wirklich dran ist. Die Frage nach meiner Berufung, die Frage nach meinem Platz im Orden oder die Frage nach Familie und Beziehung sind sicher Frage die ich mir nochmals stelle. Was ich dann konkret tun werde ist dabei zweitrangig, wenn auch wichtig. Aber es ist ein gutes Gefühl die zweite Hälfte meines noch leeren Lebensbuches zu beschreiben. Es ist ein Privileg Zeit zu haben und zu überlegen was ich und was Gott von und mit mir noch möchte.